Wer durchgeknallte Verschwörungstheorien lesen will, der ist bei den selbsternannten Infokriegern immer richtig. Ob Ufo-Spinner, Illuminati-Gläubige oder die unvermeidlichen 9/11-Besserwisser, in diesem Forum sind sie alle einträchtig versammelt. Für den Beginn habe ich mir einen kurzen, aber knackigen Thread ausgesucht, der die Bezeichnung „braune Fäkalie“ absolut verdient.
Im Unterforum mit dem schönen Titel „Eugenik“ hat ein besorgter Mitmensch den Thread: The Ringworm Children eingestellt. Wir erfahren dort von der israelischen Doku gleichen Namens von David Belhassen und Asher Hemias, inklusive eines Links zu dem preisgekrönten Film.
Der Text zum Film liest sich erschreckend. Nur wenige Jahre nach dem Holocaust experimentierten jüdische Ärzte munter an jüdischen Kindern, und zwar mit tödlichen Strahlendosen? Seit 2004 treibt diese Story in englischsprachigen Foren ihr Unwesen, im deutschsprachigen Raum ist dieser Quatsch noch nicht so verbreitet. Daher hier der wahrscheinlich hoffnungslose Versuch, Schlimmeres zu verhindern.
Wie gut, dass es außer windigen Filmchen noch seriöse wissenschaftliche Literatur zu den Ringworm Children gibt, und zwar tonnenweise. Diese zeichnet freilich ein etwas anderes Bild dieser zweifellos traurigen Geschichte.
In den 50er Jahren hatte der junge israelische Staat eine enorme Einwanderungswelle von Juden aus arabischen Ländern zu bewältigen. An die 900.000 Juden waren von dort vertrieben worden und die meisten flüchteten nach Israel. Dies nur als Anmerkung für die Menschen, die denken nur Palästinenser wären im Zuge des Nahostkonflikts zu Flüchtlingen geworden.
Nicht völlig zu Unrecht befürchtete man im israelischen Gesundheitsministerium, dass diese Immigranten ansteckende Krankheiten mitbringen könnten<!–[if !supportFootnotes]–>[1]<!–[endif]–>. Typhus, Diphtherie, Tuberkulose und Malaria waren unter den Flüchtlingen tatsächlich sehr verbreitet. Hinzu kam, dass viele dieser Menschen erstmal in Durchgangslagern untergebracht werden mussten, die heillos überfüllt waren, was wiederum zur Ausbreitung von Infektionskrankheiten führte. Die Gesundheit der Flüchtlinge war daher ein Thema, dem von offizieller Seite viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Es ist auch kein Geheimnis, dass viele gebürtige Israelis und europäische Einwanderer den oft gering gebildeten und ärmlichen Sephardim nicht wohlwollend gegenüberstanden. Sie hielten sie für primitiv und unzivilisiert.
Besonders verärgert reagierten Mediziner darauf, wenn Sephardim sich den für sie unverständlichen medizinischen Prozeduren widersetzten, die sie in den Lagern über sich ergehen lassen mussten. Die meisten dieser Flüchtlinge hatten in ihrem Leben nur wenig bis keine Erfahrung mit moderner Medizin und Gesundheitsvorsorge gemacht und waren dementsprechend skeptisch. Für lange Erklärungen blieb angesichts der Masse der Neuankömmlinge, die geimpft und behandelt werden mussten, aber keine Zeit. Viele Ärzte legten als Reaktion auf diese Schwierigkeiten eine sehr paternalistische Haltung an den Tag und scherten sich nicht viel um Aufklärungspflicht. So wurden z.B. wichtige Stempel eben nur gegeben, wenn bestimmte Medikamente geschluckt wurden. Den Menschen wurde demnach oft gar nicht Wahl gelassen, ob sie eine Behandlung durchführen ließen. Dieses aus medizinischer Sicht unethische Verhalten hielten die beteiligten Ärzte im Interesse ihrer Patienten für nötig. Vor diesem Hintergrund ist besser verständlich, warum es häufig nicht für nötig befunden wurde, den Eltern der Ringworm-Children die Wahrheit über die geplante Behandlung ihrer Kinder zu sagen.
Nun aber zu der Krankheit selbst und ihrer Behandlung. Auf Deutsch wird Ringworm, eine Pilzkrankheit der Kopfhaut die zu Haarausfall führt, als Tinea Capitis bezeichnet. Tinea Capitis ist zwar ansteckend, in der Regel aber harmlos, auch wenn der starke Juckreiz, der mit ihr einhergeht, dazu führen kann, dass die Haut aufgekratzt wird und sich bakterielle Infektionen einnisten. Umso absurder mutet es heute an, dass die damalige medizinische Lehrmeinung die Bestrahlung des befallen Areals mit hoch dosierte Röntgenstrahlung für die angemessene Behandlungsmethode hielt. Diese, nach ihren Erfindern Adamson-Kienböck benannte Methode, war damals state of the art und wurde bei ca. 200.000 Kindern weltweit bin in die 1960er Jahren angewandt. In Israel wurde diese Behandlung 20.000 (nicht wie im Film behauptet 70.000) Kindern zu teil<!–[if !supportFootnotes]–>[2]<!–[endif]–>. Erst 1959 wurde mit Griseofulvin ein effektives Mittel gegen Tinea Capitis entdeckt und die Strahlenbehandlung aufgegeben.
Das erklärt aber noch nicht, warum die Kinder in Israel so extrem hohen Strahlendosen ausgesetzt wurden. Wurden sie? In Wirklichkeit kann keine Rede davon sein, dass jedem Kind „das 35,000-fache der maximalen sicheren Röntgenstrahlendosis durch den Kopf geschossen“ worden wäre, wie im Text zum Film behauptet wird. Die tödliche Strahlendosis für Menschen liegt bei 4-7 Gy (1 Gy = 100 Rad), allerdings bei Ganzkörperexposition. Wenn nur ein eingegrenzter Bereich bestrahlt wird, wie z.B. bei der Krebstherapie, kann die Dosis ein Vielfaches dieser Werte betragen, auch bei Kindern.
Im Film wird die Zahl von 350 Rad genannt. Das ist realistisch, vielleicht aber noch zu hoch. Israelische Wissenschaftler, die seit den 1990er Jahren umfangreiche Untersuchungen über die Ringworm Children durchgeführt haben, setzen die durchschnittliche Dosis, die diesen Menschen verabreicht wurde, bei 1,5 Gy, also 150 Rad, an<!–[if !supportFootnotes]–>[3]<!–[endif]–>. Die Werte schwanken allerdings stark und reichen in Einzelfällen bis zu 6 Gy. Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das ist erschreckend hoch und völlig ausreichend, um Langzeitschäden hervorzurufen. Die Fantasiezahlen der Infokrieger werden hier aber nicht erreicht. Man braucht auch kein Medizinstudium um zu erahnen, dass jemand, der mit der “35.000-fachen der maximal sicheren Dosis” bestrahlt wird an der Strahlenkrankheit versterben würde, und zwar innerhalb von Wochen.
Im Film wird zudem noch suggeriert, man hätte zu dieser Zeit schon lange von der Gefährlichkeit hoch dosierter Röntgenstrahlung gewusst. Was man damals schon hätte wissen können mag die eine Sache sein, der sorglose Umgang mit Röntgenstrahlung seitens Medizinern bis in die 1960er Jahre hinein ist nun mal sattsam belegt, auch für Deutschland.
Allerdings könnten sich einem denkenden Menschen auch ganz ohne medizinische Fachliteratur zu wälzen Zweifel an der Geschichte aufdrängen: Was genau wäre eigentlich das Motiv für israelische Ärzte gewesen, israelische Kinder bewusst zu verstrahlen? Israel befand sich damals mehr noch als heute im Dauerkonflikt mit seinen Nachbarn, zählt da nicht jeder gesunde Mensch, der in der Lage ist Wehrdienst zu leisten? Was hat ein Staat davon, wenn er seine Bürger vorsätzlich krank macht, vor allem ein Staat wie Israel, wo es eine öffentliche Gesundheitsversorgung gibt, welche die Kosten dann zu tragen hat? Fragen über Fragen, die sich unsere zwei tapferen Infokrieger eigentlich hätten stellen können.
Wie bereits zudem aus der zitierten Literatur hervorgeht, ist die „Ringworm-Affäre“ kein Staatsgeheimnis. Forscher haben sich der Ringworm-Kinder angenommen, die israelische Presse hat ausführlich darüber berichtet und 1995 wurde nach einer emotionsgeladenen Debatte in der Knesseth ein Gesetz zur Entschädigung der Opfer verabschiedet.
Dies ist alles natürlich nur ein schwacher Trost für die Betroffenen, die unter den Spätfolgen der Behandlung ein Leben lang leiden und überdurchschnittlich oft an Krebs erkranken.
Warum behauptet der Film aber dann, es hätte sich bei der Ringworm-Affäre um ein gezieltes Experiment gehandelt, für das auch noch die amerikanische Regierung bezahlt hätte? Weil es auch in Israel Verschwörungsspinner und sensationsgeile Journalisten gibt. Immerhin stellt die Doku klar, dass dies eine reine Vermutung und keine bewiesene Tatsache ist. Falls es noch einen Beweis brauchte: Israel ist ein ganz normales Land. Es gibt Skandale, arroganten Ärzte, Vorurteile gegen Einwanderer, sensationsgeile Medien….und da es sich um eine Demokratie handelt kann man all das live und in Farbe mitverfolgen.
Betrachtet man die Fakten unvoreingenommen, so lässt sich zusammenfassen: Bis in die 1960er Jahre hinein wurden 200.000 Kinder auf der ganzen Welt mit hoch dosierter Röntgenstrahlung gegen Tinea Capitis behandelt, ein Zehntel davon in Israel. Meines Wissens nach (ich lasse mich gerne aufklären), ist Israel das einzige Land, in dem es umfangreiche Studien zu den Folgen dieser Behandlung, eine offene gesellschaftliche Debatte, und staatliche Entschädigung für die Opfer gibt.
Warum steht dann ausgerechnet Israel am Pranger?
Ok, blöde Frage
Eine Antwort gibt das zweite Posting des Threads:
„scheint wohl nicht anders zu laufen als im WK2 auch. Juden zahlen, organisieren und beteiligen sich am Holocaust mit. Auch damals schon waren Sephardijuden Ziel der Attacke. So konnte man sich damals schon einen Deckmantel für die neue Zeit schaffen. Wer heute was gegen jüdische Elite zu sagen hat, landet so (geplant) gleich in der rechten Ecke. Die Gesetze hat man ja dafür.
Bevor aber wieder so ein paar Schlaumeier kommen und sagen es ist antisemitisch was wir hier sagen und vertreten dem sei gesagt, es ist ein langer Bart und dem empfehle ich das Gründlichlesen.“
Kleiner Tipp: Die Opfer des Holocaust waren Aschkenasim, Auschwitz lag nicht in Marokko und das Wort „Gründlichlesen“ existiert nicht.
Und ja, das nennt man Antisemitismus.
Nachtrag: Was muss ich sehen, als ich diesen Eintrag gerade fertig hatte? Alexander Benesch von den Infokriegern hatte schon im Oktober 2006 einen Beitrag zu den “Ringwurm-Kindern” ins Netz gestellt.
Ist alles wohl noch hoffnungsloser, als ich dachte.
<!–[endif]–>
<!–[if !supportFootnotes]–>[1]<!–[endif]–> Für die Darstellung der israelischen Gesundheitspolitik hinsichtlich der Sephardim: Davidovich N, Shvarts, S. (2004): Health and Hegemony: Preventive Medicine, Immigrants and the Israeli Melting Pot, Israel Studies, Vol. 9, No. 2: Pages 150-179.
<!–[if !supportFootnotes]–>[2]<!–[endif]–> Sadetzki S, Chetrit A, Freedman L, Stovall M, Modan B, et al. (2005). Long-Term Follow-up for Brain Tumor Development after Childhood Exposure to Ionizing Radiation for Tinea Capitis . Radiation Research: Vol. 163, No. 4 pp. 424–432. S. 424.



guter beitrag!
hui, den infokrieger wollte ich mich auch noch annehmen. na, im adf gibt’s dazu ja schon was von mir, aber mal bloggen. hab gestern wieder mal nen thread bei denen gelesen, da wird debattiert, ob die ‘protokolle’ echt sind, wo doch eigentlich alles eingetreten sei bis jetzt! inkl. nicht allzu subtiler shoah-leugnung.
ich werde dran arbeiten.
Danke.
Bei denen gibts auch nen Thread in dem diskutiert wird ob die Wannsee-Protokolle echt sind.
http://forum.infokrieg.tv/viewtopic.php?t=3717
*kopfschüttel*
ahja, den kenne ich auch schon - auch ne seeehr ’subtile’ shoah-leugnung auf der 2. seite.
ne, danke
danke für deinen beitrag! endlich mal eine gute recherche! ich will den kommentar etwas zweckentfremden….nutzen, um mal darzustellen wie ich diese leutchen von infokrieg wahrnehme.
also ich bin erst vor ca. 2 monaten auf diese selbsternannten “Informanten” gestoßen und weiß nicht was ich davon halten soll. (verschwörungstheoretiker mit aufruf zum bürgerkrieg?!)
gefühlsmäßig stecke ich die eher in die rechte ecke, obwohl sie sich ja immer wieder distanzieren…
sehr populistisch sind die aussagen der infokrieger, wie z.B…dass das sozialsystem immer mehr abgebaut wird, der geldmakt des turbokapitalismus nur eine farce ist oder der anschlag auf das wtc von den amis selbst inszeniert wurde, die juden den holocaust mitorganisiert haben, um nacher handhabe gegen antisemiten zu haben…!!
wie kann man fictionen von wahrheiten unterscheiden, wenn man denn seinen verstand nicht benutzt!??!
gegendarstellungen von infokrieger.tv werden oft mit…..”du bist von denen (den verschwörern an der spitze - sind die juden, oder?!) ja schon voll manipuliert worden” beantwortet.
mein problem ist wie folgt: ich habe das gefühl, dass die infokrieger von vielen denkenden menschen nicht ernstgenommen werden (ist ja ok, aber:), allerdings steigen viele nicht so arg denkende leute voll mit ein!
hier liegt ein riesen potential: leuten, die unzufrieden mit sich und der gesellschaft sind, hören gerne, dass der staat nur mittel zum zweck von verschwörern ist (zweck=geldanhäufen, ist doch klar, oder?) und daher bekämpft werden muss!
1. infokrieger stellen sich selber unpolitisch dar.
2. sie tun so als würden sie aufklären, sprich nur infos geben, ohne wertung!
dadurch erreichen sie auch menschen, die eigentlich nicht rechts sind und versorgen diese mit ihren “Infos”.
wie seht ihr das? eher kein potential, weil die leute gerne selber denken, oder doch ein potential, weil die leute lieber nachplappern, was sie gesagt bekommen? (wie z.B. mein wg mitbewohner!, über den ich den mist erst kennengelernt habe!) oder ists doch eine eintagsfliege??
…..nichts ist wie es scheint ;)…..
Hallo Hagbard,
Ich wünschte, ich hätte eine Antwort auf Deine Fragen. Einerseits wirken die Infokrieger salopp gesagt wie Trottel, über die man lachen kann. Andereseits haben sie aufgrund ihrer populistischen Thesen auch Potential. Es ist ja auch schön angenehm, nicht wirklich denken zu müssen, sondern alles in schwarz-weiß zu belassen.
Wenn man die Forenbeiträge dort genauer liest, dann tauchen schon manchmal Kommentare auf, die in Richtung “Gewalt gegen das fiese System” gehen. In den USA hat diese Denke schon mal zu Terroranschlägen geführt (Timothy McVeigh/Oklahoma).
Einigen Infokriegern ist glaube ich nicht ganz klar, dass sie in der rechten Ecke stehen (und da stehen sie). Aber ich habe schon das Gefühl, dass Rechtsextremisten in diesen Foren unterwegs sind, um dort ihre Ideologie anzupreisen. Und das gelingt ihnen auch ganz gut.
Deswegen beobachte ich die Inforkieger auch in diesem Blog. So sehr ich manchmal über sie lache, für ungefährlich halte ich sie nicht. Ich konzentriere mich dabei besonders auch den Antisemitismus, weil ich diese Ideologie aufgrund unserer Vergangenheit für besonders widerwärtig erachte.
Grüße,
die Netzklempnerin
Liebe Netzklempnerin,
vielen Dank für deine Antwort! Ich finde es prima, dass du diesen blog machst und bin echt froh, dass sich im Internet auch Menschen tummeln, die sich bemühen alles etwas vielschichtiger zu betrachten (nicht nur schwarz/weiß).
Ich werde jetzt wohl öfters mal vorbeischauen.
Weiter so!
Gruß Hagbard
Danke